Strommarkt-Symposium


2019
 

Kurzeinführung in das Thema: Wohin führt der Ausstieg aus der Kohle mittelfristig den Strompreis für Gewerbe und Industrie?

Seit dem 26.01.2019 liegt der Abschlussbericht der Kohlekommission vor. Die Kommission empfiehlt dabei den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis zum Jahr 2038 bzw. bei Opportunität sogar zum Jahr 2035.

Was bedeutet das konkret für den Strompreis? Noch lange hin, mag man meinen. Aber mitnichten - denn die Auswirkungen werden sich viel früher niederschlagen. So wird sich  bereits bis zum Jahr 2020 die Leistung der Kohlekraftwerke in Deutschland spürbar verringern. Im Verlauf des Jahres 2018 wurden bereits fünf Steinkohleblöcke mit zusammen 0,9 GW Leistung endgültig stillgelegt. Der Bundesnetzagentur liegen zusätzlich Anträge auf Stilllegungen von 1,6 GW bis 2020vor. Damit reduziert sich die installierte elektrische Leistung der Steinkohlekraftwerke im Markt bis 2020 um 3,2 GW. Auch im Braunkohlebereich wird die aktive Leistung um 1,8 GW in den nächsten Monaten sinken.  Und das unabhängig von den jüngsten Nachrichten der Kohlekomission.

Bild: Vattenfall


Doch zunächst die Fakten: In Deutschland waren Ende 2017 Stromerzeugungsanlagen mit einer Leistung von rd. 216 GW vorhanden. Die erneuerbaren Erzeugungsanlagen machten davon bereits mehr als die Hälfte aus (112 GW).  Allerdings produzierten diese erneuerbaren Energien nur ca. 36% der Strommenge. 

Mit Jahresfrist 2017/2018 waren Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 42,6 GW am Markt aktiv – weitere 2,3 GW standen in Netzreserve.  Im Jahr 2017 deckten diese Kraftwerke 37% der gesamten Stromerzeugung in Deutschland ab. Die Empfehlung der Kommission bedeutet – zusammen mit der Abschaltung der zu Beginn des Jahres 2018 noch sieben aktiven Kernkraftwerksblöcke (9,5 GW) - eine Reduktion der inländischen Erzeugungskapazität um 52,1 GW oder 24%.

Ein Blick auf die sog. Stromgestehungskosten (d.h. die Kosten der Herstellung von Strom) verrät die möglichen Auswirkungen:


Energieträger

Stromgestehungskosten je kWh

Kernenergie

ab 3,6 Cent

Braunkohle

ab 2,9 Cent

Steinkohle

ab 4,0 Cent

Erdgas (GuD)

ab 5,3 Cent

Windenergie Off-Shore

ab 6,7 Cent

Windenergie On-Shore

ab 2,9 Cent

Photovoltaik Freiflächen (Parks)

ab 3,5 Cent

Quelle: Studie Levelised Cost of Electricity 2015, VGB PowerTech


Fazit: Die abzuschaltenden konventionellen Kraftwerke bieten heute Stromgestehungskosten zwischen 2,9 und 4 Cent je Kilowattstunde. Kompensiert werden diese einerseits durch hiesige erdgasbefeuerte Kraftwerke (5,3 Cent und mehr) und andererseits durch den weiteren Zubau erneuerbarer Energie, insbesondere Windenergie (2,9 bzw. 6,7 Cent und mehr).  Überschlagen kann man sagen, dass sich die Erzeugungslandschaft so verändert, dass die Stromproduktion teurer wird.

Aber das ist nur die eine schlechte Nachricht:  Denn während ein Kernkraftwerk fast rund um die Uhr an bis zu 8.300 Stunden im Jahr Energie liefert und Kohlekraftwerke je nach Nachfrage 6.000 bis 7.000 Stunden pro Jahr Strom erzeugen, liegt die quasi „naturgegebene“ Produktion von Windenergie an Land bei 1.600 bis 2.800 Stunden und bei Photovoltaik bei 700 bis 1.000 Stunden pro Jahr.  Es entsteht also womöglich eine zeitliche Deckungslücke durch die fehlende Substitution.  Problematisch bleibt zudem nach wie vor das ungelöste Transportproblem von Nord nach Süd (Stromtrasse). 

Das bedeutet als mögliches Szenario: Entweder müssen Zug um Zug und sehr kurzfristig adäquate Speicher in Betrieb genommen werden, um überschüssigen grünen Strom zwischen zu speichern oder Deutschland wird durch den Wegfall der Kernkraft sowie der Kohlekraftwerke im vermehrten Umfang stundenweise auf Stromimporte angewiesen sein. Maßgeblich für die Preisbestimmung ist hierbei der Wert der Stundenkontrakte an der EPEX in Paris. Die Monatsmittelwerte im IV. Quartal 2018 lagen dabei zwischen 4,81 und 5,67 Cent je Kilowattstunde. Die sog. Peakloadpreise zwischen 9 und 20 Uhr können aber stundenweise auch deutlich mehr kosten (bspw. zuletzt 10,27 Cent / kWh am 24.01.2019). Ein mittlerer Preisanstiegt um 1 bis 2 Cent ist also möglich. Das bedeutet auf Basis des heutigen Niveaus Strompreise von mehr als 6 bis knapp 9 Cent je Kilowattstunde. Einige Studien sagen bereits langfristig Preise von rd. 10 Cent Arbeitspreis je kWh voraus. 

Die Kommission hat eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, um die Auswirkungen auf die betroffenen Menschen und Unternehmen sowie die Regionen zu mindern. Nun liegt es an der Bundesregierung, wie ganz konkret die Empfehlungen umgesetzt werden. Doch besonders energieintensive Unternehmen, bei denen die Stromkosten als Teil der Herstellungskosten direkt auf das Betriebsergebnis durchschlagen, sollten sich frühzeitig und aus Eigeninitiative mit dieser Entwicklung auseinander setzen. 


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Im Intensiv-Seminar Strommarkt-Symposium am 26.09.2019 erfahren Sie alles Wissenswerte über die möglichen Szenarien für die Strompreisentwicklung in den nächsten Jahren  und wie Ihr Unternehmen darauf reagieren kann. Denn bereits ein Preisanstieg um 1,5 Cent kostet ein Unternehmen mit einem Jahresverbrauch von 5 GWh pro Jahr rd. 75.000 EUR mehr an Stromkosten.  Gut also, wenn man beizeiten seine Risiko- und Chancenstrategie überprüft und entsprechend optimiert.