Strommarkt-Symposium


2019
 

Strom aus "Ihrer" Windkraftanlage ?















Für energieintensive Unternehmen eröffnet sich ab kommenden Jahr eine völlig neue Möglichkeit, nicht nur Kosten in der Energiebeschaffung gegenüber dem Marktpreis zu senken, sondern auch noch die eigene Marktpositionierung durch Nutzung von nachhaltiger Stromerzeugung zu verbessern. Warum das so ist und wie das funktioniert lesen Sie im folgenden Artikel.

Die Einkaufspreise für Strom haben sich seit 2016 stark erhöht. Und die Zukunft verspricht nicht besser zu werden – alleine die absehbare Verteuerung der CO2-Zertifikate kann den Strompreis aus thermischen Kraftwerken (Öl, Gas, Kohle) um voraussichtlich 2 Cent die Kilowattstunde kurz- bis mittelfristig erhöhen. 

Zudem müssen im Vergleich teurere Gaskraftwerke die perspektivisch wegfallende Erzeugungskapazität aus Atom- und Kohleverstromung substituieren – und zwar besonders an Tagen, da wenig Strom aus Wind und Sonneneinstrahlung hergestellt werden kann.

Viele Experten halten daher mittelfristige Strompreise zwischen 7 und 10 Cent je Kilowattstunde für realistisch.

Allerdings öffnet sich derzeit auch eine interessante wie attraktive Option: Der Direktbezug von Strom aus Windkraftanlagen, die absehbar (2020 und ff.) aus der EEG-Vergütung laufen werden.

Hier winken niedrige Energiekosten und Preissicherheit durch langjährige Lieferverträge. In der Fachwelt spricht man dabei von sog. PPAs (Power Purchase Agreements).


Hintergrund:

Seit Anfang der 2000er Jahre wurden in Deutschland viele tausend Windkraftanlagen gebaut. Diese wurden über einen Zeitraum von 20 Jahren über die sog. EEG-Umlage gefördert. Das heißt, der Betreiber hat eine teils garantierte Summe je erzeugter Kilowattstunde aus Windenergie erhalten. Nun laufen ab 2020 die ersten Windenergieanlagen aus dieser Förderung aus. Ökologisch unsinnig ist der Ab- und Rückbau noch funktionsfähiger Windenergieanlagen. Zudem diese i.d.R. auch vollständig abgeschrieben sind. Der Betreiber einer Windkraftanlage muss nach Ablauf der Förderung seinen erzeugten Strom zu Marktpreisen verkaufen. Dies geschieht regelmäßig über die sog. Direktvermarktung an der Spotmarkt-Strombörse (EPEX). Allerdings sieht sich der Betreiber hier bislang unbekannten Preisrisiken ausgesetzt. 












Denn am Spotmarkt kennt man stundenbezogen nicht nur positive Preise, sondern auch negative Strompreise. Daher wird die Vermarktung des grünen Stroms für den Betreiber risikoreicher und ein Stück weit nicht mehr planbar. Mehr noch: In Zeiten besonders hoher Stromerzeugung aus Windenergie (und in Kombination mit hoher Produktion aus Photovoltaik) sinkt besonders an Feiertagen und Wochenenden der Strompreis an der EPEX gegen Null oder noch darunter. Denn der Wind weht dann nicht nur für eine einzelne Windenergieanlage sondern in der Regel für ganze Regionen. 

Betreiber solcher Windenergieanlagen müssen sich daher Gedanken machen, wie sie ihr Erzeugungsgeschäft in Zukunft absichern und nach Möglichkeit von den volatilen Börsenpreisen entkoppeln, wenn sie auch weiterhin eine planbare Rendite für ihre Eigentümer erwirtschaften wollen.

Hier schlägt die Stunde des Power Purchase Agreements (PPA). In anderen Ländern wie etwa den USA bereits weitverbreitet, steht die direkte und langfristige Vermarktung von elektrischer Energie aus Windkraft an große Verbraucher aus den Bereichen Industrie, Gewerbe und Handel hierzulande erst in den Startlöchern. 

Bei einem PPA kann es sich um eine klassische Win-Win-Beziehung handeln. Sucht der Stromerzeuger aus Windkraft einen kalkulierbaren und vor allem langfristig sicheren Verkaufspreis der über seinen Herstellungskosten liegt, so sind angesichts der andauernden Preissteigerungen am Großhandelsmarkt energieintensive gewerbliche Letztverbraucher daran interessiert, ebenfalls langfristige Bezugsquellen unterhalb des Marktpreises zu nutzen.

Hier treffen sich also beide Interessen. Überschlagen kann man sagen, dass die Stromgestehungskosten (Produktionskosten) einer abgeschriebenen Windenergieanlage zwischen 3 und 4 Cent je Kilowattstunde liegen. Diesen Wert muss der Betreiber der Windenergieanlage also mindestens erwirtschaften. Aus Sicht des letztverbrauchenden Unternehmens  sind Großhandelspreise für die Zukunft zwischen 5 und 6 Cent heute normal. Ein PPA mit einem Preis von z.B. 4,5 Cent wäre also für beide Seiten gewinnbringend. Solche PPAs werden – zumindest ist das die Erfahrung aus anderen Ländern – mit 5, 10 oder 15 Jahren auch deutlich länger als die üblichen Stromlieferverträge geschlossen.

Damit das funktioniert, bedarf es allerdings eines passenden Beschaffungsmodells – und das kommt in der Regel nicht ohne einen Energiehändler aus, der einerseits nicht nur die energiewirtschaftlichen Prozesse im Hintergrund steuert, sondern auch den Mehr-/Mindermengenausgleich bspw. über Spotmarkt vornimmt. Ein solcher Händler wird in Zukunft viele Windenergieanlagen poolen, so dass auch das Risiko für den Abnehmer sinkt, wenn etwa eine oder mehrere Windkraftanlagen ausfallen.

Ein Blick auf den Markt verrät ein hohes Potenzial: Denn bereits in den kommenden Jahren werden über 16 GW an installierter Leistung aus der EEG-Vergütung herausfallen und suchen so neue Geschäftsmodelle.

Übrigens: Nicht übersehen werden sollte dabei ein weiterer Vorteil: Denn die Windenergieanlage produziert tatsächlich CO2-neutral Strom aus Windkraft. 

Das entsprechende Herkunftszertifikat wird dabei in aller Regel an den PPA-Partner, also das letztverbrauchende Unternehmen übertragen. Ein nicht zu unterschätzender Wert, bspw. wenn es um nachhaltiges oder regionales Marketing geht.

Fazit:
Power Purchase Agreements haben das Potenzial, die Energiewende nicht nur über Bestandssicherung voranzubringen, sondern für alle Beteiligten auch noch finanzielle Vorteile bei gleichzeitiger Risikominimierung zu erzielen. 

Sie möchten mehr erfahren ?

Mehr über die Ausgestaltung, die Vor- und Nachteile sowie die Verfügbarkeit von PPAs erfahren Sie am 24.09.2019 anlässlich des 4. Strommarkt-Symposiums in Steinfurt..



Autor:
Urs Neuhöffer, Geschäftsführer der Gesellschaft für angewandte Marktforschung in der Energiewirtschaft (G.A.M.E.) mbH